Beckenboden stärken: warum Anspannen allein nicht reicht

Frau liegend am Reformer im ALIGNHER Pilates Studio Mönchengladbach

Wenn vom Beckenboden die Rede ist, folgt meistens derselbe Ratschlag: anspannen. Am besten oft, überall, an der roten Ampel. Das ist nicht falsch — aber es ist die Hälfte. Ein Muskel, der nur anspannt, wird nicht stärker. Er wird müde.

Wo der Beckenboden eigentlich liegt

Der Beckenboden ist keine einzelne Muskelschicht, sondern ein Geflecht aus mehreren Lagen, das das Becken von unten verschließt — gespannt zwischen Schambein, Sitzbeinen und Steißbein. Er trägt, er hält, er lässt los. Und er tut das nie allein: Zwerchfell, tiefe Bauchmuskulatur und Rücken arbeiten mit ihm als eine Einheit.

Daraus folgt das Wichtigste über das Training dieses Muskels: Isoliert funktioniert es schlecht. Was mit deiner Atmung passiert, passiert auch mit deinem Beckenboden — ob du daran denkst oder nicht.

Warum reines Anspannen zu kurz greift

Ein belastbarer Muskel kann zwei Dinge: Spannung aufbauen und wieder nachlassen. Beim Beckenboden fällt den meisten der zweite Teil schwerer. Dauerspannung fühlt sich nach Kontrolle an, ist aber keine Kraft — wer nie loslässt, kann im entscheidenden Moment nicht zupacken.

Deshalb ist der häufige Kurzschluss „etwas stimmt nicht, also zu schwach“ nicht verlässlich. Ein Beckenboden kann auch zu angespannt sein, und die Beschwerden fühlen sich ähnlich an. Welcher Fall vorliegt, lässt sich nicht erspüren und schon gar nicht in einem Artikel klären: Das gehört in die Hände einer Ärztin, einer Hebamme oder einer auf den Beckenboden spezialisierten Physiotherapie. Wenn du Schmerzen hast, Druck nach unten spürst oder beim Husten, Lachen und Springen Urin verlierst, ist das der erste Weg — nicht ein Trainingsplan aus dem Internet.

Die Atmung ist der Zugang

Es gibt einen Grund, warum in jeder Pilates-Stunde so viel über Atmen gesprochen wird. Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell, der Bauchraum gibt nach, der Beckenboden gibt mit. Beim Ausatmen kehrt die Bewegung um: Das Zwerchfell steigt, die Körpermitte zieht sich sanft zusammen, der Beckenboden hebt mit. Diese Mechanik läuft ohnehin, bei jedem Atemzug.

Genau deshalb ist die Atmung der praktischste Einstieg. Statt zwanzig Mal willkürlich anzuspannen: ausatmen und dabei merken, wie der Beckenboden mitgeht. Einatmen und bewusst nichts tun. Das ist unspektakulär und wirkt mehr als jede Übung, die man „irgendwie“ ausführt.

Was auf dem Reformer dazukommt

Auf dem Reformer trainierst du gegen Federn, und Federn geben Rückmeldung. Eine Bewegung, die aus der Körpermitte kommt, läuft ruhig; eine, die aus dem Ausweichen kommt, ruckelt. Das macht sichtbar, was sonst Gefühlssache bleibt — und es koppelt den Beckenboden an das, wofür er da ist: Bewegung, nicht Stillhalten.

Dazu kommt der Rahmen. In unseren Reformer Classes trainieren höchstens fünf Frauen gleichzeitig, 60 Minuten lang, mit BASI-zertifizierter Leitung. Bei fünf Plätzen fällt niemand durchs Raster: Wenn du statt des Beckenbodens den Po anspannst oder die Luft anhältst, fällt es auf und wird korrigiert. Welche Classes wann stattfinden, steht im Stundenplan.

Schwangerschaft, Geburt und die Zeit danach

In keiner Phase bekommt der Beckenboden so viel Aufmerksamkeit wie rund um eine Geburt — zu Recht, denn er trägt und verändert sich. Was sich im Training während der Schwangerschaft verschiebt, haben wir in diesem Artikel beschrieben; wann der Wiedereinstieg nach der Geburt sinnvoll ist, in Rückbildung mit Pilates.

Beides gilt unter einer Bedingung: Den Zeitpunkt gibt deine Nachsorge vor, nicht dein Kalender. Erst die Freigabe von Ärztin oder Hebamme, dann das Training. Für die Zeit danach gibt es bei uns den Prä- und Postnatal-Kurs: sechs Freitagmorgen, fünf Frauen, geleitet von Berrin Nalbant, zertifiziert im prä- und postnatalen Training.

Drei Dinge, die mehr bringen als Anspannen an der Ampel

  • Ausatmen zuerst. Bei jeder Anstrengung — Aufstehen, Heben, Tragen — mit dem Ausatmen beginnen, nicht die Luft anhalten.
  • Loslassen üben. Nach jeder Anspannung bewusst nachlassen. Das ist der Teil, den fast alle überspringen.
  • Die Haltung über den Tag. Rippen über dem Becken statt Hohlkreuz oder eingesunkenem Sitzen. Der Beckenboden kann nur arbeiten, wenn er unter dem Zwerchfell liegt — nicht davor.

Der Beckenboden ist kein Muskel, den man in drei Wochen abhakt. Er reagiert auf Regelmäßigkeit, auf Atmung und darauf, dass jemand hinschaut. Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst: In einer Class mit fünf Plätzen bekommst du genau das — und niemand erwartet, dass du schon weißt, wie es sich anfühlen soll.

Berrin Nalbant, Gründerin des ALIGNHER Pilates Clubs
Geschrieben von Berrin Nalbant

BASI-zertifizierte Pilates-Trainerin mit Comprehensive Teacher Training und einer Ausbildung für Prä- und Postnatal-Pilates. Gründerin des ALIGNHER Pilates Clubs in Mönchengladbach, wo sie selbst unterrichtet.

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